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Glashütte - Teil 04

Die Gewalt des Feuers ...

... schleuderte auch brennendes Holz durch die Luft

Torgau (TZ)

Am späten Nachmittag des 4. Juni 1962, keine vier Wochen nach der Havarie der Wanne A, die Glaswerker hatten gerade die Produktion wieder aufgenommen, gefährdete ein Großbrand die Existenz des Torgauer Glaswerkes und des angrenzenden Großtanklagers von Minol. Auf dem das ganze Freigelände der Glashütte einnehmenden Lagerplatz für die Glastransportkisten wütete ein Brand, der sich rasant ausbreitete. Er drohte auf die Produktionsgebäude der Hütte sowie auf die mit Kraftstoff gefüllten Großtanks und die im Tanklager stehenden Kesselwagen überzugreifen. In Torgau und Umgebung heulten die Sirenen.

Die auf den Lagerplatz mehrere Meter hoch und eng beieinander aufgestapelten Transportkisten, gefüllt mit Holzwolle, gaben dem Feuer so viel Nahrung, dass ein furchtbarer Feuersturm über den Lagerplatz hinwegbrauste. Glaswerker und Feuerwehrmänner aus Torgau und dem Kreisgebiet kämpften unter Einsatz ihres Lebens um den Erhalt beider Betriebe. Die Gewalt des Feuers schleuderte über hundert Meter weit brennende Holzstücke, Holzwolle und brennendes Stroh durch die Luft. Der ölgetränkte und trockene Rasen an den Abfüllstellen und zwischen den Gleisen, auf denen 16 mit Benzin gefüllte Kesselwagen auf die Leerung warteten, brannte bereits. Die Flammen vom Lagerplatz schlugen bis zum fünfstöckigen Dach des Hauptgebäudes hoch.

Zum Schutz vor den Flammen und den Funken hatten Glaswerker die Fenster vom Packraum mit schweren Eisentüren zugestellt. Zum Löschen hätte ein ganzer See auf einmal in das Flammenmeer geschüttet werden müssen. Doch die Wasserentnahmestellen des Betriebes lieferten nicht die erforderliche Menge. Erst als den Feuerwehren über Schlauchleitungen von der Elbe und vom Schwarzen Graben her ausreichend Wasser zur Verfügung stand, gelang es, der Gefahr ein Ende zu bereiten. Beide Betriebe wurden gerettet.

Die Transportkisten auf dem riesigen Lagerplatz waren nicht zu retten. Glaswerker und Feuerwehren hatten mutig den Flammen getrotzt und erneut Vorbildliches geleistet. Elf Kameraden und drei Arbeiter erlitten Verbrennungen, zwei eine Rauchvergiftung. Alles nur wegen einer leichtsinnig in die Holzwolle geworfene Zigarettenkippe.
Auch in den folgenden Jahren erforderte die Erhaltung des Flachglaskombinates immer wieder die nachbarliche Hilfe der freiwilligen Feuerwehren von Torgau und Umgebung. Dafür einige Beispiele.

Am 29. August 1967 drohte die Wanne C auszulaufen. Fünf Tage später wurde eine erneute Katastrophe verhindert. An einem Sonntag brannte die Bekohlungsanlage, die Förderbrücke, die Umlenkstation, die Entstaubung und das Kanalsystem. Die Situation war brisant. Wiederholt auftretende Kohlestaubverpuffungen erschwerten die Löscharbeiten. Zu beklagen war der Ausfall von zwei Generatoren. Im Einsatz befanden sich die Freiwillige Feuerwehr Torgau und die Torgauer Betriebsfeuerwehren, die Wehren von Zwethau, Beilrode, die der NVA Züllsdorf und zwei Einheiten der Sowjetischen Garnison Torgau. Gemeinsam mit den Glaswerkern wurde auch diese Gefahr gebannt.

Ein erneuter Großalarm rief die Feuerwehrleute der Stadt am 13. Januar 1968 in den Betrieb. Der Wannenboden der Wanne C war undicht geworden, eine halbe Tonne Glas war bereits in den Wannenkeller gelaufen. Ein weiteres Auslaufen konnte gestoppt, eine Katastrophe verhindert werden.

Nicht immer verliefen die Einsätze im Betrieb ohne Opfer. Am 18. April 1968 ereignete sich beim Trennschweißen an der Hauptgasleitung zur Wanne C eine Explosion. Die Gasleitung wurde an mehreren Stellen aufgerissen und deformiert, der Schieber zur Generatorenanlage von der Wucht der Explosion durchschlagen, ein verschraubter schwerer Stahldeckel aus der Verschraubung gerissen und 150 Meter weit gegen eine Gebäudewand geschmettert. Um die entstandene Gefahr zu bannen, wurde die Werksfeuerwehr gerufen.

Beim Abdichten der Gasleitung in etwa 10 Meter Höhe starb unser Kamerad, der Löschmeister Hans Peter Sieste, ein ausgezeichneter und bewährter Gruppenführer, Vater von zwei Kindern, im Alter von 28 Jahren nach einem Sturz von der Anhängedrehleiter. Gemeinsam mit dem Kameraden Willi Grenz hatte er an der undichten Gasleitung gearbeitet. Bereits wenige Minuten nach Aufnahme der Abdichtungsversuche stürzten beide bewusstlos von der Leiter. Die Verletzungen des Kameraden Grenz konnten nach längerem Aufenthalt im Krankenhaus geheilt werden. Für den Kameraden Sieste war keine Hilfe mehr möglich.

von Hans-Joachim Füssel

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