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Glashütte - Teil 03

Das Torgauer Werk ...

... wurde zum größten Glasproduzenten der sowjetischen Besatzungszone

Torgau (TZ)

Am 18. Oktober 1947 meldete die „Freiheit“: „Die Glashütte Torgau vollendet Ende Oktober den seit zwei Jahren vorangetriebenen Neubau einer zweiten Schmelzwanne mit allem dazu gehörigen Betriebsanlagen. Sie wird mit einer Gesamtkapazität von monatlich 500 000 Quadratmetern Fensterglas zum größten Fensterglaserzeuger innerhalb der sowjetischen Besatzungszone“. Die während der letzten Kriegstage ausgebrannte Glashütte hatte dank der beispielhaften Aktivitäten von Belegschaft und Betriebsleitung schon fünf Monate später die Produktion wieder aufgenommen. Um den ungeheuren Bedarf an Fensterglas zu decken, wurde schon damals mit dem Bau einer zweiten Schmelzwanne begonnen. Eine nicht mehr genutzte, veraltete Wanne wurde abgebrochen und an ihrem Standort eine neue mit einem Fassungsvermögen von 900 Tonnen Glas errichtet.

Für die damaligen Verhältnisse mussten gewaltige Mengen Baumaterial, Eisenbleche aller Stärken, Rohre, etwa 100 Elektromotoren, Ziehmaschinen, Generatoren, eine elektrische Zentrale und hunderte Kubikmeter Holz beschafft werden. Selbst im ungewöhnlich harten Winter wurden die Arbeiten nicht unterbrochen. Es gab keine Verzögerungen. Gebaut werden mussten ein Wannenhaus, in dem die Glaskanäle, die Wärmekammern, die eigentliche Schmelzwanne, die Ziehwanne, sechs Ziehmaschinen und die Schneidsäle untergebracht werden konnten, ein Generatorenhaus, das zunächst sechs Drehrostgeneratoren aufnahm. Es war bereits für eine Vergrößerung des Betriebes eingerichtet. Ferner wurden umfangreiche Rohstoffsilos, ein Gemengehaus, ein Brennstofflager für den monatlichen Bedarf von 4750 Tonnen Briketts sowie eine große Anzahl von Gas und Rauchkanälen und eine vollständige Brunnenanlage zur Gewinnung des erforderlichen Kühlwassers errichtet. Um den Betrieb von den Unregelmäßigkeiten der Stromzuführung unabhängig zu machen, wurde eine elektrische Zentrale errichtet. Am 3. November 1947 erfolgte die Inbetriebnahme der neuen Anlage.

Fünfzehn Jahre später, am 11. Mai 1962 (aus der Glashütte war inzwischen das Flachglaskombinat geworden), kam es im Betrieb zu einer Havarie mit einer Brandfolge, die mir unvergessen bleibt. Infolge Ausschwemmens eines Bodensteines aus der Schmelzwanne ergossen sich in kurzer Zeit 600 Tonnen flüssiges Glas in den Raum. Als Leiter Feuerwehr erlebte ich diese Havarie von Anfang an. Einer Lava gleich bahnte sich die heiße Masse alles vernichtend ihren Weg. Brennbares wurde entzündet, Metalle schmolzen, kniehoch kam uns ein weiß glühender Strom entgegen. Die enorme Hitze, beißender Rauch und das flüssige Glas behinderten die Lageerkundung und den Löschangriff. Weder Werkleitung noch Feuerwehr waren auf solch eine Situation vorbereitet, Wir wussten anfangs auch nicht, ob sich noch Menschen in der Halle befanden.
Gefährdet waren die Hauptgasleitung, die Elektrozentrale, die Kistenfabrik und das Kesselhaus. Schon 20 Minuten nach Beginn der Havarie rutschte die Stahlkonstruktion der Arbeitsbühne schnell und geräuschlos zusammen. Die Stahlträger waren weggeschmolzen.

Um den Glasfluss zu stoppen und den Betrieb zu erhalten, blieb uns nur, schnell viel Wasser aufzubringen. Bis zu 20 Strahlrohre sprühten Stunde für Stunde das abkühlende Nass auf das flüssige Glas, um es zum Erstarren zu bringen. Die Einsatzkräfte im Hallengebäude litten unter der Hitze und dem im Raum vorherrschenden heißen Wasserdampf. Mit Lehm und Sand sorgten wir für einen möglichst gefahrlosen Abfluss des erhitzten Wassers. Um Verbrühungen zu vermeiden, standen die Einsatzkräfte im Wannenkeller auf Kisten und ähnlichen Hilfsmitteln. Erneut zeichneten sich die Feuerwehrmänner durch hohe Einsatzbereitschaft aus.
Der Betrieb blieb erhalten. In der unwahrscheinlich kurzen Zeit von 22 Tagen konnten die Glaswerker den Schaden beheben und die Produktion wieder anfahren.

von Hans-Joachim Füssel

Abbildung: Foto: H. J. Füssel -

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