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Glashütte - Teil 01

Nach dem Luftangriff brach die Hölle herein

Torgau (TZ)

Am 20. April 1945, wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges, wütete auf dem Gelände der Torgauer Glashütte und im benachbarten Großtanklager der Rhenania Ossag AG am Repitzer Weg ein Brand von nicht gekanntem Ausmaß. Die mit Flugzeugbenzin gefüllten Hochtanks im Großtanklager und die auf den Werkgleisen stehenden Kesselwagenzüge gaben nach einem Luftangriff viele Millionen Liter brennbarer Flüssigkeit frei. Eine wahre Hölle brach über beide Betriebe herein. Die auftretende Hitze ließ die nicht getroffenen Tanks und Kessel explodieren und zündete alles Brennbare. Selbst die asphaltierte Straßendecke brannte beim eintreffen der Feuerwehr. Ohnmächtig standen die Feuerwehrleute diesem Inferno gegenüber. Beide Betriebe wurden so schwer beschädigt, dass die Wiederaufnahme der Produktion unmöglich erschien.

Als die Glaswerker Tage später auf dem Trümmerfeld Bestandsaufnahme machten, mussten sie feststellen, es gab keine Kohlevorräte mehr, sie waren mit dem Lagerschuppen verbrannt. Die Flammen hatten den hölzernen Schuppen mit den 2000 Fensterglastransportkisten vernichtet. Die beim Brand vorherrschenden hohen Temperaturen führten selbst zur Zerstörung der Gleisanlagen und Weichen der Werksbahn. Niedergebrannt waren das Wasserwerk, das Motorenhaus, die Wasserreinigungsanlage, der Kühlturm und ein Teil des Generatorenhauses. Nicht mehr zu verwenden war die gesamte elektrische Anlage des Betriebes, auch alle feuerfesten Düsen und Schwimmer. In den zusammen gebrochenen Schneidsälen hatte die beim Brand vorherrschende Hitze die dortige Eisenkonstruktion wie Streichhölzer zusammenknicken lassen. Es war eine Situation entstanden, in der nichts mehr vorhanden war, was für die Produktion dringend gebraucht wurde.

Selbst Schaufel, Hacke, Glasschneider und Elektrokarren gab es nicht mehr. Der wichtigste Teil des Glaswerkes, die Schmelzwanne, befand sich einem trostlosen Zustand. Ihren Inhalt, 600 Tonnen flüssige Glasmasse, hatte man nicht mehr ablassen können. Zu einem festen Glasblock erstarrt blockierte sie nun einen Neubeginn. Doch die Glaswerker verzagten nicht.

Unter den primitivsten Bedingungen und dem Mangel an allem machten sie sich an die Arbeit. Der Krieg war zu Ende, neue Hoffungen wuchsen, im zerstörten Land wurde Glas wie nie zuvor gebraucht. Keine sechs Monate nach der Zerstörung der Glashütte meldete die damalige Zeitung die „Freiheit“ „...am 2. Oktober 1945 wurde in der Torgauer Glashütte die erste Glastafel gezogen.“ Man nahm die Produktion unter heute unvorstellbaren Bedingungen auf. Die Arbeit erfolgte Anfangs noch unter freiem Himmel. Da weder der Fahrstuhl noch eine Kistenrutsche vorhanden waren, mussten anfangs die 250 Kilogramm schweren Glaskisten von den Glaswerkern manuell über die Treppe drei Stockwerke nach unten befördert werden.

Die am 20. April 1945 restlos ausgebrannte Glashütte konnte dank der Initiative der Belegschaft und der Betriebsleitung im Oktober 1945 bereits 137 000 Quadratmeter Fensterglas herstellen. Bei diesem guten Ergebnis wollte man nicht stehen bleiben. Betriebsleitung und Belegschaft beschlossen schon damals eine schon länger außer Betrieb ruhende Wanne abzubrechen und an ihrem Standort eine zweite, neue und größere Schmelzwanne zu errichten.
Die Belegschaftsmitglieder hatten bei jeder Gelegenheit bewiesen, wie sehr ihr die Glashütte am Herzen lag. Als zum Beispiel Ende Februar 1946 auf dem Betriebsgelände der Glashütte erneut ein weit um sich greifender Brand die Existenz des Betriebes gefährdete, haben viele Glaswerker 51 Stunden hintereinander an der Behebung der Schäden gearbeitet.

von Hans-Joachim Füssel

Abbildung: Foto: privat -

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