Sie sind hier: Einsätze aus vergangener Zeit
Zurück zu: Chronik
Allgemein: Impressum Haftungsausschluss Kontakt Sitemap Webmaster Warnungen

Suchen nach:

Torgauer Zeitung - 27.03.2008

Beilrode war vom Feuerschein erleuchtet

Fast auf den Tag genau vor einem halben Jahrhundert ging das Dachsteinwerk in Flammen auf

Beilrode (TZ)

Als am 30. März 1958 gegen 21 Uhr in Torgau, Beilrode und in dessen Nachbarorten die Alarmsirenen heulten, saß ich im Kino am
Martha-Brautzsch-Platz in Torgau. Den Weg zur Feuerwache legte ich schnell zurück und erreichte noch rechtzeitig das Tanklöschfahrzeug. Beim Einsteigen hatte mir der Diensthabende zugerufen: "Das Dachsteinwerk Beilrode brennt".

Ich kannte den Betrieb und die von ihm ausgehenden Gefahren von den vorausgegangenen Brandschutzkontrollen. Ziegeleien gehören noch immer zu den Betrieben, die ständig hoher Brandgefahr ausgesetzt sind. Wir hatten freie Fahrt, es gab kaum Verkehr auf der Straße. Drei Minuten nach Auslösen des Alarms befanden wir uns bereits auf der Elbbrücke. Schneller ging es nicht. Über Beilrode leuchtete der Himmel verdächtig rot.

Feuer brach durchs Dach

Als wir kurz danach die Eisenbahnüberführung bei Kreischau passierten, stockte uns der Atem. Wir hatten freien Blick auf das gegenüber vom Bahnhof gelegene Brandobjekt. Das Feuer brach in diesem Augenblick auf der gesamten Länge des Fabrikgebäudes durch die Dachhaut. Beilrode war vom Feuerschein hell erleuchtet. Ein beängstigendes Bild bot sich uns beim Eintreffen am Brandort.

Die Schreckensrufe gingen unter im Donner der Flammen. Eine 44 Jahre lang von der Hitze des Brennofens ausgetrocknete 80 Meter lange hölzerne Dachkonstruktion, reichlich mit Kohlenstaub belegt, gab den Flammen ausgezeichnete Nahrung. In kurzer Zeit erfasste der Brand das gesamte Fabrikgebäude vom Erdgeschoss bis zum Dach. Groß war die Gefahr für die angrenzenden Gebäude. Die Dächer vom nahen Mischfutterwerk sowie von den Garagen und die Holzverkleidung eines weiteren Hausgiebels brannten bereits.

Gefahr für das Dorf

Ein Übergreifen des Feuers auf das Dorf musste verhindert werden, die Besatzung des Tanklöschfahrzeuges erhielt den entsprechenden Auftrag. Zwei Schlauchleitungen versuchten die Männer zwischen dem Mühlen- und Hauptgebäude auszulegen. Wegen der unerträglichen Hitze scheiterte anfangs der Versuch. Das Tanklöschfahrzeug begann zu brennen, die Fahrzeugscheiben zersplitterten.

Auch die vom zweiten Löschfahrzeug vorgehenden Trupps mussten der Hitze wegen die Schläuche kriechend unter Ausnutzung natürlicher Deckungen auslegen. Dennoch erlitt ein Feuerwehrmann dabei Brandwunden im Gesicht und an den Händen. Die Möglichkeiten zur Wasserentnahme reichten nicht, über weite Strecken musste fehlendes Löschwasser herangeführt werden.

Die Einsatzkräfte der fünfzehn herbeigeeilten örtlichen Feuerwehren sowie die von dem in Falkenberg stationierten Löschzug der Reichsbahn führten in dieser Nacht des Schreckens eine kräftezehrenden Kampf gegen Hitze und Rauch. Unterstützung fanden sie durch viele Helfer aus dem Ort. Jeder Mann, jeder Schlauch und jede Pumpe befanden sich im Dauereinsatz. Gegen 22 Uhr bestand für die Nachbargebäude keine Gefahr mehr.

Die bisher hier eingesetzten Kräfte halfen von nun an beim Löschen des eigentlichen Fabrikbrandes. Auch der Zugverkehr auf der am Brandobjekt vorbeiführenden Strecke war bald wieder möglich. Drei Stunden lang hatten wir pro Minute etwa 12 000 Liter in das Flammenmeer geschleudert. Anfangs war kaum Wirkung spürbar gewesen. Unbemerkt war der Brand im Mittelteil des Ringofengebäudes ausgebrochen. Er wurde viel zu spät bemerkt und konnte dann mit den betrieblichen Mitteln nicht mehr gelöscht werden.

Fahrlässigkeit war Ursache

Der Brennmeister hatte die mit Kohlenstaub gefüllten Brennsätze unbeaufsichtigt verlassen. Als die Feuerwehr am Brandort eintraf, brannte der 80 Meter lange Dachstuhl bereits in voller Ausdehnung. Einhundert Arbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Ein Wiederaufbau des Dachsteinwerkes erfolgte nicht. Bis zum Brand war die Ortsfeuerwehr das Stiefkind der Gemeinde. Der im Aufbau befindlichen jungen Wehr hatte man weder personell noch materiell geholfen.

Nach der Katastrophe mahnte Bürgermeister Blöding in einem offenen Brief seine Amtskollegen und schrieb unter anderem: "Aus bitterer Erkenntnis rufe ich alle Bürgermeister auf, der freiwilligen Feuerwehr und der Organisierung des Brandschutzes größere Beachtung zu schenken. Wartet nicht, bis Euch eine Brandkatastrophe aufschreckt. Erspart Euch den Vorwurf, hätten wir doch...".

Hans-Joachim Füssel

Abbildung: Foto: H.-J. Füssel -

nach oben