Brand der katholischen Kirche

Den schwersten Brand, den die Freiwillige Turner-Feuerwehr von Torgau zwischen der Jahrhundertwende und dem ersten Weltkrieg zu bekämpfen hatte, war der im Grundstück der katholischen Kirchengemeinde am 21. April 1906, daß sich damals in der Feldstraße, gegenüber dem heutigen Jugendklubhaus, befand. Der Feuerwehr liegt der Originalbrandbericht mit Skizzen über die Lage des Objektes und die Aufstellung der eingesetzten Rettungs- und Löschgeräte vor. Im Grundstück war bis zum Jahre 1854 der Gasthof "Zum goldenen Löwen" untergebracht. 1854 wurde es vom bischöflichen Stuhl in Paderborn käuflich erworben und zur ersten katholischen Kirche und Pfarrhaus umgebaut. Im Jahre 1857 baute man das Mansardendachgeschoß noch aus und schuf dadurch zusätzlichen Raum für eine Erziehungsanstalt und die Unterbringung von 40 Kindern nebst Erziehungspersonal. Die Trennungswände blieben Fachwerk. Das Material der Wände war in der Hauptsache Lehm, Stroh und Holzziegel. Einige Wände waren wie die Kirchendecke ganz aus Holz errichtet. Die Mansarde war eng mit der Kirche verbunden.
In der Brandnacht früh um 3.45 Uhr bemerkte der Hofmeister des angrenzenden Ökonomiegehöftes Rauch und die ersten Flammen aus dem Dach der Kirche. Die Alarmierung der Feuerwehr und der Bewohner des Hauses geschah unverzüglich. Glücklicherweise waren noch nicht alle Kinder angereist. Dreißig Personen befanden sich bei Brandausbruch im Grundstück. Die 21 Kinder waren am Abend vorher angekommen und kannten die Räumlichkeiten noch nicht. Anwesend waren weiter der Pfarrer, 6 Ordensschwestern und zwei der Schule entwachsene Mädchen.

Alle Bewohner der Mansarde waren durch die Feuerrufe sofort erwacht. Beim Betreten des Korridors mußten sie aber feststellen, daß die Garderobenkammer schon in Flammen stand und auch der Fußboden bis zur Treppe hin bereits brannte. Die brennenden Kleidungsstücke entwickelten einen beißenden Qualm. Die Sicht war stark behindert. Anfangs waren die Kinder nur auf die Hilfe der Schwestern angewiesen, deren Schlafräume mit denen der Kinder verbunden waren. Sie hatten die Kinder auch schon alle versammelt. Als diese aber die furchtbare Feuersbrunst und den entsetzlichen Rauch sahen, flohen sie wieder erschreckt in ihre Räume zurück. Unter unsagbaren Anstrengungen und Überwindungen gelang es den mutigen Ordensschwestern, mehrere Kinder durch das brennende Treppenhaus auf die Straße zu bringen. Einige beherzte Jungen bahnten sich selbst den Weg ins Freie. Die Ausbreitung des Feuers ging rasend schnell vor sich und behinderte schon nach kurzer Zeit die Schwestern und ersten Helfer, das Rettungswerk zu vollenden. Trotzdem wagten zwei von ihnen, bereits wie alle übrigen mit Brandspuren gekennzeichnet, erneut in das brennende Haus einzudringen. Todesmutig kamen sie auch, wahrscheinlich schon halb bewußtlos, bis zu den eingeschlossenen Kindern. Jede der Schwestern hatte ein Kind im Arm und sich auf den Rückweg gemacht. Sie konnten aber ihr mutiges und aufopferungsvolles Rettungswerk nicht vollenden. Zusammen mit den zwei Kindern im Arm starben sie im Feuer. Nun konnte nur noch die inzwischen eingetroffene freiwillige Turnerfeuerwehr helfen.



Über mehrere Anstell- und und die in Stellung gebrachte mechanische Schiebeleiter stürmten die Steiger der Turnerwehr in die wogende Glut. Allen voran der Feuerwehrmann Beest. Allein, nur ein nasses Tuch vor das Gesicht gebunden, das Atemschutzgerät der Feuerwehr versagte an diesem Tag, stürzte er sich fünfmal in das Flammenmeer und trug jedesmal ein halbersticktes Kind zurück ins Leben. Der verdiente Dank wurde ihm später verweigert. Der Arbeiter stand nach Meinung der Obrigkeit in keinem guten Ruf. Für den Magistrat von Torgau war das Grund genug, dem todesmutigen Turner die von der Wehrleitung eingereichte Rettungsmedaille zu verwehren. Trotz größter Anstrengungen der Rettungs- und Löschmannschaften kam noch ein drittes Kind im Feuer um. Fünf junge Menschenleben waren bei dieser Brandkatastrophe zu beklagen. Zugleich mit den Rettungsaktionen waren die vier Spritzen der Freiwilligen- und Pflichtfeuerwehr in Stellung gegangen und hatten die Brandbekämpfung aufgenommen. Nach etwa einstündigen Brande stürzte der bis in die Spitze hinauf brennende Kirchturm in sich zusammen und fiel glücklicherweise in das Innere der Kirche hinein.

Ein großes Unglück wäre geschehen, wenn er auf die in der Feldstraße versammelten Löschmannschaften und Zuschauer gestürzt wäre. Bald nach dem Turm stürzte auch die Giebelwand des Haupteinganges zur Kirche ein. Auch sie schlug nach innen. Das angrenzende Wenzelsche Gehöft schwebte lange Zeit in größter Gefahr, konnte aber gehalten werden. Die Kirche selbst brannte restlos nieder. Vom angrenzenden Schulgebäude brannte das Dach ab. Die Wohn- und Schulräume hatten durch das Feuer und Löschwasser schwer gelitten. Auch bei diesem Brand war wie bei früheren die Garnision mit ihren Löschgeräten und Mannschaften zugegen, brauchte aber nicht mehr eingesetzt werden.

Das Feuer soll im Kirchboden, und zwar in der Kleiderkammer entstanden und lange Zeit nicht bemerkt wurden sein. Bereits am Abend vorher will man Brandgeruch festgestellt haben, hat aber dessen Ursache nicht ergründen können. Verursacht worden soll das Feuer durch Unvorsichtigkeit der z.Z. in der Kirche beschäftigten Handwerker sein. Diese Brandkatastrophe hat lange Zeit die Menschen unserer Stadt und der weiten Umgebung tief bewegt. Die Freiwillige Turnerfeuerwehr von Torgau erhielt, wie das auch schon nach früheren Brandkatastrophen festgestellt wurde, dringend nötige Ausrüstungen und Geräte durch den Magistrat großzügig bewilligt.

(Quelle: Erika und Hans-Joachim Füssel / Die Spur führt durch 5 Jahrhunderte / Aus der Geschichte der Feuerwehr des Kreises Torgau)


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