Torgauer Zeitung - 24.01.2008

Ein 13-jähriger Junge versank unter dem Eis

Gn. Schildau (TZ)

Sehr groß ist das Aufgabengebiet der Feuerwehren seit je her. Die Brandbekämpfung macht dabei nur einen Teil aus. Schon vor 140 Jahren sangen ihre Gründer: "Als Mädchen für alles sind stets wir zur Hand, wenn irgendwo Hilfe geboten, es achtet und liebt uns ein jeder im Land als Helfer der Unheilbedrohten". Retten und Erhalten von Leben und Gut, so könnte man die Zielstellung unserer selbstlosen Helfer auf einen Nenner bringen. Ich habe schnell lernen müssen, nicht jede Hilfestellung wird vom Erfolg gekrönt. Es macht traurig, wie wir am folgenden Ereignis sehen, muss aber verkraftet werden.

Man schrieb den 25. Januar 1958. Zur Freude von Groß und Klein hatte Mitte Januar 1958 der Frost im Schildauer Raum den See und die Teiche mit einer Eisschicht überzogen. Auch die zwischen der Sitzenrodaer und der Kurzwalder Straße gelegene und mit Wasser gefüllte ehemalige große Tongrube der hiesigen Ziegelei war schnell zum Tummelplatz der kleinen und großen Schlittschuhläufer geworden. Die Tiefe des Gewässers und die geringe Eisdicke fand bei ihnen jedoch wenig Beachtung. Und so geschah, was trotz wiederholter Mahnung leider auch heute immer wieder geschieht: Die Eisdecke brach, und ein 13-jähriger Junge aus Schildau versank unter dem Eis. Die herbeigeeilten Kräfte der Torgauer und Schildauer Feuerwehr mühten sich vergebens. Obwohl sie das gesamte Gewässer mittels Schleppnetz absuchten, blieb der Junge verschollen.

Sie kamen schnell und erwiesen sich als erfahren. Ihr Standort war das Kommando der Berufsfeuerwehr Magdeburg. Wir brachten die Tauchergruppe im Gasthof Leuschner unter. So lange es das Tageslicht ermöglichte, suchten die Männer mit unserer Unterstützung planmäßig das Gewässer nach der verschollenen Leiche ab. Auch ihr Einsatz brachte keinen Erfolg und wurde nach einer Woche abgebrochen. Sicher war daran die für die Suche nach einer Leiche ungeeignete Ausrüstung der Taucher mit Schuld. Vor 50 Jahren gehörten zum Bestand der Feuerwehr nur schwere Taucher. Am Luftschlauch, Führungs- und Sicherheitsleine gefesselt waren sie in ihren schweren Anzügen mit dem aufgeschraubten Metallhelm und den mit dicken Bleisohlen beschwerten Schuhen recht unbeweglich.

Bei der Suche blieben sie immer wieder im Schlamm stecken, stolperten über zurückgelassene Schienen, über Loren und abgekippten Schrott, mussten daraus befreit werden. Die Sicht im Wasser war schlecht, die Fortbewegung der Taucher wirbelte Schmutz auf. Die heutigen Rettungstaucher sind weit mobiler. Sie schwimmen frei von Luftpumpe und Luftschlauch, sie erhalten ihre Atemluft aus der auf dem Rücken mitgeführten Druckluftflasche. Zum Leidwesen der Angehörigen mussten wir damals unseren Einsatz ohne Erfolg abbrechen. Erst Wochen später konnten wir die Leiche des Jungen bergen.

Hans-Joachim Füssel


Foto: H.-J. Füssel

nach oben


(C) 2007-2014 - Alle Rechte unterliegen der Freiwilligen Feuerwehr Torgau. - Bei Fragen wenden Sie sich bitte an den Wehrleiter oder an den Webmaster.

Diese Seite drucken